Showing posts with label SimpliciusSimplicissimus. Show all posts
Showing posts with label SimpliciusSimplicissimus. Show all posts

Tuesday, September 25, 2012

"Wir erreichen den Fluss" - Sehen, das vom Herzen kommt

Es gibt/Man kennt zwei Arten von Blindheit: eine betrifft die Augen, die andere das Herz.

Wie weit muss man sich als Beobachter von einer Situation entfernen, um dies wahrzunehmen? Wie kann er sich aus der Situation überhaupt entfernen oder ist er gefangen in einem Beziehungsgeflecht?

Was ruhig und verhalten am 20. September 2012 in der Dresdner Semperoper startete sollte sich im Verlauf des Abends ändern. Knapp zehn Tage war es her als das Regieteam Einblicke in das 1976 in Covent Garden uraufgeführte Stück von Hans Werner Henzes "Wir erreichen den Fluss / We come to the River" gab. Diese Neuproduktion ist eingebettet in eine Hommage an einen der bekanntesten zeitgenössischen Komponisten während der kompletten Spielzeit 2012/2013 an der Semperoper in Dresden.

Intendantin Dr. Ulrike Hessler konnte diesem kräftigen Start mit der die Semperoper gänzlich auf den Kopf stellende furiose Operninszenierung nicht mehr beiwohnen, da sie im Sommer überraschend einem Krebsleiden erlegen ist. Das Inszenierungsteam um Elisabeth Stöppler, Rebecca Hingst, Annett Hunger, Frank Lichtenberg und Erik Nielsen widmen daher die Inszenierung aus diesem Grund Ulrike Hessler zum stillen Gedenken, welchem ich bzw. wir uns anschließen!

© Matthias Creutziger
Der Gast, der an den Vorstellungsabenden (13./20./25./26./29. September 2012) den Zuschauerraum betritt sieht sich in eine mehr als verwirrende (auf den ersten Blick) Bühnenlandschaft versetzt. Ist doch der Bühnenraum im Parkett durch einen Steg von der Bühne bis zur letzten Parkettreihe wie durch einen Fluss getrennt. Kaum dass die Vorstellung heran ist, fühlt man sich bereits unbehaglich, denn Männer und Frauen in Tarnuniform postieren vor sämtlichen Türen des Parketts. Mit dem Knallen der Türen und Stiefelgetrappel ist es allen klar: hier ist heute etwas anderes als sonst im Gange.

Die Inhaltsangabe ist kurz (hier ausführlich nachzulesen): ein General hat mit seinen Truppen nach erfolgreicher Niederschlagung eines Aufstandes ein Opernhaus besetzt, während noch immer mit Deserteuren und Leichenfledderen abgerechnet wird eröffnet ihm sein Leibarzt, dass er erblinden wird. Dies löst einen emotionalen "Hot Button" bei ihm aus, d.h. langsam erkennt er die Wahnsinnigkeit des Krieges, das Leid, das dieser anrichtet, und seine eigene Hilflosigkeit als es zur Erschießung einer jungen Frau kommt, die Leichen gefleddert hatte. Er ist nun für die Kriegsmaschinerie nicht mehr tragfähig, denn Gefühle gehören nicht in diese "harte Welt" und er landet im Irrenhaus. Er wird sowohl von der Regierung wieder als General angefragt, als auch von der Opposition, doch er entscheidet sich gegen beide Alternativen und erfährt letztendlich die "Blendung", die ihn vollends "sehend" macht und dann den eigenen Tod durch die Insassen der Irrenanstalt.

Was von Hans Werner Henze zu einer Zeit geschrieben worden ist, als der Vietnamkrieg in seinen letzten Zügen war, Krieg als ultimatives Mittel von nationaler Interessendurchsetzung angesehen wurde und darüber hinaus durch die Medien zur damaligen Zeit in jeden weltweit erreichbaren Haushalt drang, ist wahrscheinlich komplexer und persönlicher, als es dem Zuschauer lieb sein könnte. Kriechen doch unwillkürlich Erinnerungen an eigene Armeezeiten und sinnfreie Befehle (auch im Frieden) von Offizieren in einem hoch. Der Abstand sowohl zeitlich (1976 zu 2012) als auch die an nicht eingängige an 12-Ton-Kompositionen erinnernde Musik, noch dazu von drei räumlich getrennten Orchestern im Zuschauerraum gespielt machen es nicht einfach, den möglicherweise umfassenderen Kontext zu erkennen. Sind wir etwa von unserer eigenen "Blindheit" gegenüber der Kunst geschlagen? Was erkennen wir und was ist möglicherweise im nach "Tohuwabohu" aussehenden Stück verborgen?

Bei längerem Analysieren und "Betrachten" der einzelnen Teile der Oper kommen gänzlich andere und auch die heutige Zeit übertragbare Muster zum Vorschein - ist dies vielleicht sogar eine Art des "Sehens", die von Hans Werner Henze mit seiner Oper beabsichtigt war? Selbstverständlich dreht sich alles um einen General, doch stellt sich dem Zuschauer beständig die Frage, durch welche offensichtlichen wie subtilen Feedbackschleifen (wie sie in System Dynamics genannt werden) wird das Handeln der einzelnen Personen geleitet? Anders als die bislang zur Oper verfügbaren Rezensionen  wird lediglich am Ende kurz auf die Dinge eingegangen werden, die sich aus dem sängerischen wie künstlerischen Eindruck an diesem Abend speisten. Wer den etwas längeren Diskurs überspringen möchte, dem sei das Ende dieses Artikels empfohlen.

Die sehr umfangreiche Handlungsführung ist umfassender und näher an den Zuschauer herankommend als üblich, man wird förmlich zum Teil der Aufführung. Es lassen sich fünf größere Gruppen identifizieren, die aufgrund der folgenden Ereignisse eng miteinander verwoben werden und untrennbar für den Lauf der Ereignisse verantwortlich sind:

- Publikum - Teil der Bevölkerung, die teilnahmslos den Ereignissen folgt und doch "mittendrin" ist
- Opernpersonal - Orchester und Sänger, die den Nimbus des "Normalen" und "Schönen" verkörpern
- Armee - deren Protagonisten ihren "Job erledigen" nach über Jahrtausende ausgeprägten Mustern
- Regierung - weit weg, oben, repräsentiert durch ein Orchester über der Bühne
- "Irrenhaus" - eine Welt, die nicht konform geht mit der gelebten Realität
-  Alte Frau, junge Frau und Sohn - die "Augenöffner"

Zentralfigur der Handlung ist ein General, der zunächst "blind" ist, zu erkennen, welches Leid er mit seiner Soldateska unter der Bevölkerung und dem Opernpersonal (dem physisch kein Schaden zugeführt wird) anrichtet. Erst der Hinweis auf seine drohende Erblindung durch seinen Leibarzt scheint im Kontext des unvermeidbaren Todes des Deserteurs und der zwei Frauen mit ihrem Kind bzw. Enkel lassen ihn etwas erkennen, für das er bisher blind gewesen ist.

© Matthias Creutziger
Dem Leibarzt, der von Gerd Vogel eindrucksvoll gespielt wird, kommt in diesem Moment eine entscheidende Rolle zu, die im komplexen Geflecht der Akteure nicht auf den ersten Blick deutlich ist: er löst mit seiner "beiläufigen" Bemerkung (nachdem er sich über das verwundete Knie des Generals erkundigt hat), dass dieser blind werden würde, eine Kettenreaktion aus, die alle genannten Gruppen in ihren Bann zieht (ob gewollt oder ungewollt) und den "Stein ins Rollen bringt".

Die zentrale Frage von "Wir erreichen den Fluss" ist der "Blinde Fleck" des Generals, der in seinem bisherigen Handeln praktisch blind gegenüber den Auswirkungen seines eigenen Handelns war. Die Frage stellt sich für jeden von uns, "Ist das lediglich im Krieg so, oder beobachten wir ähnliche Tendenzen im täglichen Leben um uns herum in unterschiedlichen Kontexten?". Was wie ein "Arbeiten im Autopilot-Modus" aussieht, d.h. die Gewalt und das Morden, als auch die gefühllose und losgelöste Beauftragung derselben durch Regierungskreise (vom Kaiser bis zum Gouverneur hinab), mag mit dem "Runterladen" bekannter Muster wie von Prof. Dr. Otto Scharmer in "Führung vor der leeren Leinwand" beschrieben werden. Wo finden sich vergleichbare Muster im Heute und Jetzt?

Körperliche Gewalt, die im Krieg eine maßgebliche Rolle spielt kann im friedlichen Miteinander zu einer anderen Art von Gewalt transzendieren, die unschwer schwieriger wahrzunehmen ist.  Sie wird "'Attentional violence' genannt - ... Es ist die Gewalt der Aufmerksamkeit, an der einige Menschen nicht teilhaben können. Das Erkennen des höchsten Potenzials aller Menschen gilt als ein Meilenstein in der Wertschätzung der Person, denn dieses führt dazu, dass dieses Potenzial tatsächlich in Erscheinung tritt." (Olga Lyra, Führungskräfte und Verantwortungsgestaltung, S. 44). Eindrucksvoll lässt sich wahrnehmen, dass diejenigen, die die "Drecksarbeit" verrichten oft nicht die Entscheidungsträger sind, wie die Soldaten verdeutlichen, die "nur ihre Arbeit machen".

Ohne endgültige Antworten zu geben, und dem Zuschauer viel Raum für das eigene Hinterfragen auch persönlicher Entscheidungen zu geben ging an diesem Donnerstag einer der überwältigendsten Opernabende seit dem Herbst 2010 zu Ende. In den Gedanken und dem geistigen Auge treten immer mehr Verbindungen zwischen "Wir erreichen den Fluss / We come to the River" und unseren eigenen Lebensumständen zutage.

Persönlicher Presencing Status bzw. Kurzkritik zur Aufführung vom 20. September 2012:

  • Good: Hans Werner Henzes Idee, die Oper mit einem tagesaktuellen Thema in das Publikum hineinzuführen und Frau Ulrike Hesslers Vision, zeitgenössische Oper auf die Bühne und in das Gespräch zu führen; Erik Nielsen, der die verstreuten Orchester und das Schlagwerk virtuos dirigierte; Simon Neal, der einen General (es hätte auch ein Manager sein können) perfekt mimte und die folgende Zerrissenheit während des "Sehen Lernens" wundervoll darstellte; Vanessa Goikoetxea, von 2010 bis 2012 Mitglied des Junges Ensembles und nun in einer herausfordernden Rolle, die sie spielerisch und sängerisch bravourös interpretierte; das komplette Ensemble der Semperoper und der Gäste auf der Bühne und im Zuschauerraum zu sehen und zu erleben, wie ein derart komplexes Werk von einer weitsichtigen Regisseurin, Elisabeth Stöppler, und ihrem Team umgesetzt worden ist.
  • Tricky:  Welcher Fluss ist von Henze gemeint? Der Totenfluss, Styx, oder der "Fluss des Lebens"?sind, wie nicht anders zu erwarten, die vielfältigen Sinneseindrücke der unterschiedlich positionierten Spielorte im kompletten Zuschauerraum; Musik, die nicht direkt eingängig für das Gehör ist; Erinnerungen an 'Simplicius Simplicissimus' 
  • Learned: umso komplexer das Setting einer Oper desto länger dauert es, das auf der Bühne Erlebte mit eigenem Erleben sinnvoll zu verbinden - "Letting go to letting come"
  • Action: Sehr gespannt auf einen zweiten Besuch von "Wir erreichen den Fluss / We come to the River"

Sunday, October 23, 2011

'Simplicius Simplicissimus' - simple is something different

Friday evening in Dresden, a cubicle behind Semperoper, the name is the program: Semper 2. New approaches to opera are created here, and the open room offers quite some experiences one never can make happen between the audience and the players, singers, and dancers in the large house.

15 min to start (at 7pm sharp) the crowd is waiting to be let in. The tension rises, as normally ("But what is normal?") one is allowed around 30 min early to enter. Something is different, yet one does not get the details.

Opening - the eyes see no stage in the middle, rather 128 (or 125?) wooden boxes where the audience is going to sit, the stage is draped around the walls - this is going to be what Edgar Schein, MIT Sloan School of Management, and scholar of Kurt Lewin, a German-American psychologist with Jewish roots, calls a "cultural island", the ordinary is shifted significantly out of the normal expectance, and yet there is not much room to flee the situation. Curiosity and paid ticket definitely outweigh the anxiety that arises already.

This situation reminds me instantly of a paper written by Edgar Schein with the title "The Role of Art and the Artist". Why is arts relevant to other elements of society like business or government? - that's his initial question. Let's see whether, and how this new piece created by Manfred Weiß and his team will play out.

"First, art and artists stimulate us to see more, hear more, and experience more of what is going on within us and around us."

Being the audience in the middle, sitting on plain boxes, let's the mind stay anxious, moving around 360° as the play goes on around on the installation around the walls.  It could happen that you instantly get in "conversation" with your neighbours bumping into each others' feet. Erik Nielsen, the conductor this evening is standing merely a few meters away, the orchestra around him, and almost part of the audience. One feels connected, one feels the real work of what a conductor is providing for the whole process: being the facilitator of a rather complex process.

"Second, art does and should disturb, provoke, shock, and inspire."


Copyright: Matthias Creutziger
Going to the opera often is expected to be nice. This evening certainly was different. Valda Wilson, an Australian soprano, and a member of the Junges Ensemble played her debut as "Simplicius Simplicissimus". What had sparked at last year's opening at Albertinum with "The Inner Voice" where she had sung as part of the ballet performance choreographed by Jiří Bubeníček, principal dancer of the Semperoper Ballett, clearly now became apparent: here is a voice "diamond" beautifully harnessed over time. Those who had the chance to experience, and hear her in "Pussy in Boots" earlier this year could see her amazing capability not only concerning her voice but additionally her playing skills. Congratulations to Valda, who inspired once again, that you can, and should play roles in life you are not naturally familiar with. The outcome is amazing!!!

Karl Amadeus Hartmann was already in 1934 in the first draft of this opera about the gruel times of the Thirty Year War very distinct with the persons, and it did not make it difficult "to see" Hermann Göhring moving on stage. Matthias Henneberg amazingly brought this part over, and one could see some frowning in the audience, as this connected back to a not often in this city talked about a time when innovation in arts often got diminished as "Entartete Kunst" by the government. What that meant for Semperoper can be experienced via Verstummte Stimmen (after a presentation at Semperoper and Staatsschauspiel Dresden in the summer - this opera could spark further engagement in learning about it and its relevance for today's art).

"Third, the artist can stimulate us to broaden our skills, our behavioural repertory, and our flexibility of response."


The tension between the narration of a 17th-century play by Grimmelshausen and the "seen" reality of the 1930s clearly shook the audience's minds, and the receptive thinking about what this opera with music quite unfamiliar, led to some improvisation by all.

"Fourth, the role of arts and artists is to stimulate and legitimize our own aesthetic sense."


The time during this evening once again showed that "beauty" is not only what the large audience, critics, and voices define as that, "beauty" also lies in the new ways of expressing intentions as Karl Amadeus Hartmann, on the edge of the arts and living society back in the day, intended to do. The adaption to our times with still the anchor points to the past (the costumes of the 17th century, the military uniform, the haircut of the dancer) brought memories up, even though only a few of the audience might have experienced the 30s themselves. Playing such a piece in itself is an amazing BEAUTY.

"Fifth, analysis of how the artist is trained and works can produce important insights into what is needed to perform and what it means to lead and manage."


Different from the performance on the large stage here, the artists are all part of one audience, WE. And everybody can see each other's emotions and reactions, a quite unique situation for opera singers, who normally in productions are detached more from the audience which is also sitting in a rather dark room. On Friday it was like being all together on the same blanket (or wooden piles;-)).

My resume of the evening: STUNNING and calling for more!!!

Doing what is often done by me after such an experience to capture the assets of learning, is the Presencing Status (stating four short questions):
  • Good - an opera played in a very unfamiliar setting, creating a "cultural island", emotionally touching, and opening the heart; great debut by Valda Wilson as Simplicius expressing not just her awesome voice (BTW where does that amazing soprano spring up from? How many "Valda Wilsons" are around us, and would only need the right mentor to see the awesomeness to make them strive forward to their highest potential?) also her natural talent as an actor (via mimic and gestic alike (!)); what impresses me every and each time is how opera singers and the orchestra get accustomed to the unique closeness to the audience, they even for themselves experience encounters they often can't get on the large stage (where seeing the audience during the performance is something of impossibility;
  • Tricky - minor details as the 4 million lost souls during the 30 Year War (Dreißigjähriger Krieg, 1618-1648), and the to be further accustomed joined action of the in the audience distributed singers of the choir; my ears are still not really accustomed to German opera texts (what counts is the wholeness of the performance - and this has been exceptional in every aspect (!))
  • Learned - subtle signs such as uniform, and the first name made clear the connection to the '30s and the background on what the opera was intended to show and express; the Dresden audience is more flexible to adapt to new circumstances as thought (today after heading out of the introduction to 'Alcina' the newest production, an old lady (clearly in her late 70's/ early 80's told me how much she liked the performance even with the (for her for sure) shocking elements within the play connecting to the time between 1933-1945 in Dresden) - this may be even the most encouraging feedback on such productions, that fit into the row of 'Street Scene' by Kurt Weill also played on large stage; holding the tension, even when emotions seem to overwhelm you, tears are about to flow as memories come up, will emerge in the collective consciousness;
  • Action: definitely see the performance at least a second time in order to experience the development (as I always do, especially with productions, that are either catching diverse reviews or little attention in the beginning of the play); reading & writing on "cultural islands" and how an opera house like Semperoper can play a major role in providing such a space for making innovation (in the technological, and even more in the social sense (!)) possible.
Add ons/ Ergänzungen (in German):