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Wednesday, October 18, 2017

Chemie - Gesellschaftlicher Katalysator? Roald Hoffmann macht es wahr!

Startfolie des Preisträgervortrrags
von
Prof. Roald Hoffmann
Roald: From a refugee camp in Wasseralfingen, books of Marie Curie and George Washington Carver in German, to America

(Roald: Von einem Flüchtingslager in Wasseralfingen, Bücher von Marie Curie und George Washington Carver auf Deutsch, nach Amerika)

Am 10. September 2017 feierte die die Gesellschaft Deutscher Chemiker (GDCh) das Jahr ihres 150-jährigen Bestehens mit einem Festakt im Konzerthaus am Gendarmenmarkt. Höhepunkt des Abend war die erstmalige Verleihung des Primo-Levi-Preises an Prof. Roald Hoffmann, Nobelpreis in Chemie (gemeinsam mit Kenichi Fukui) 1981.

Primo Levi, italienischer Schriftsteller und Chemiker, der den Holocaust überlebte (ähnlich wie der Preisträger auch), hat mit seinem schriftstellerischem Wirken die Chemie in weite Teile der Bevölkerung getragen. Darüber hinaus hat er mit seinem autobiografischen Werk "Ist das ein Mensch?" über seine Erfahrungen während seines 11-monatigen Zwangsaufenthalts im Konzentrationslager Auschwitz einen Platz in der Weltliteratur eingenommen.

GDCh Präsidentin Thisbe K. Lindhorst und Prof. Roald Hoffmann
Mit dem Primo-Levi-Preis, der von der GDCh und der Italienischen Chemischen Gesellschaft (Societa Chimica Italiana) gemeinsam verliehen wird, werden "Chemiker oder Wissenschaftler chemienaher Disziplinen ausgezeichnet, die sich in besonderem Maße für die Wahrung der Menschenrecht einsetzen und damit den Dialog zwischen der Chemie und der Gesellschaft voranbringen" (Auszug aus der Pressemitteilung der GDCh vom 6. Juni 2017).

Roald Hoffmann, bedingt unter anderem durch seine Kindheit, geboren 1937 damals im polnischen Zloczow (heute zur Ukraine gehörig) ist ein "Brückenbauer" (Boundary Spanner via P2P Foundation) zwischen unterschiedlichen Kulturen und Disziplinen. Der Titel seiner Nobel Lecture anlässlich der Nobelpreisverleihung 1981 "Building Bridges between Inorganic and Organic Chemistry" lässt den interessierten Leser bereits vermuten, dass sich darunter mehr verbirgt als ausschließlich die Leidenschaft eines Chemikers im Kontext mit Atomen und Molekülen.

Kunst, Poesie und Philosophie sind die Felder, in denen Roald Hoffmann ebenfalls seit Jahren aktiv tätig ist, wie auf seiner Website zu entnehmen. Nicht ohne Grund ist die Kunst und die mit ihr verbundenen Künstlerinnen und Künstler ein Katalysator für gesellschaftlichen Wandel hin zu größerem Verständnis gegenüber der Wissenschaft (die, falls wir nicht selbst damit zu tun haben, uns abstrakt und im "strengen Sinne" überflüssig vorkommt, da wir sie in geringem Maße in unserer persönlichen Erlebenswelt einordnen können) und zwischen unterschiedlichen gesellschaftlichen Gruppen. Auf den Malta Conferences, die sich dafür einsetzen, die Kraft der Diplomatie der Wissenschaften für ein friedfertiges Zusammenleben der unterschiedlichen Kulturen im Nahen Osten einzubringen ist er ebenfalls ein regelmäßiger Teilnehmer, so auch in diesem Jahr im Dezember.

Jan Kollwitz (li.)
Roald Hoffmann (re.)
Besonders faszierend ist die gestiftete Keramik, die in tradioneller japanischer Technik von Jan Kollwitz, dem Urenkel von Käthe Kollwitz, die ihre letzten Lebensjahre in Moritzburg unweit Dresdens verlebt hat,  produziert worden ist. Just in dieser Woche, am morgigen Donnerstag, eröffnen die Staatlichen Kunstsammlungen (SKD) im Kupferstichkabinett eine Sonderausstellung anlässlich des 150. Geburtstages von Käthe Kollwitz - man mag es für eine zufällige "Laune" der Geschichte halten und doch treffen wiederum unterschiedliche Stränge der Geschichte in Dresden in Form der Kunst zusammen.






Zusammenfassung des Erlebten während (und nach) der Eröffnungsfeier des Wissenschaftsforum 2017 (#wifo2017) im bewährten #PresencingStatus:

  • Good - Konzerthaus am Gendarmenmarkt war der passende Ort, um Wissenschaft, Kunst und Publikum emotional zu verbinden 
  • Tricky - mehrfache Anläufe zum Aufschreiben der Erinnerungen an diesen faszinierenden Abend in Berlin "scheiterten"
  • Learned - manche Dinge, wie das Schreiben dieses Artikels, benötigen mehr Zeit als vermutet, vor allem wegen der verfältigen Verflechtungen und Dockingpunkte mit anderen Dingen (SKD, Semperoper Ballett, Deutsche Physikalische Gesellschaft, Dialogmiteinander, Flüchtlingskrise, Bundestagswahl, Diversity, ...)
  • Action - Wie könnte ein Prototyp im Rahmen des MOOC "u.lab - Leading From the Emerging Future" aussehen, der die Vielfalt (diversity) von Personen, Erkenntnissen sowie Erlebnissen, die die offenbaren Grenzen zwischen Wissenschaft, Kunst und Gesellschaft verschmelzen lassen und visuell oder in anderer geeigneter Form für andere erfahrbar macht? 

Monday, September 18, 2017

Was haben Berlin, Brandenburg und Sachsen gemein? CHEMIE

Anlässlich des 150. Gründungsjubiläums der GDCh (Gesellschaft  Deutscher Chemiker e.V.) an historischer Forschungsstätte, dem Berliner Wissenschaftscampus in Berlin-Dahlem, trafen sich vergangene Woche über 2.000 Chemikerinnen, Chemiker und Interessierte beim Wissenschaftsforum 2017 (#wifo2017 auf Twitter und Facebook).

Selbstverständlich ging es während der fünf Tage dauernden Konferenz um spezifische Fachvorträge, Tagungen der Fachgruppen (angefangen von der FG Chemieunterricht bis hin zur FG Lackchemie und FG Nuklearchemie), auch Postersessions standen ebenso auf dem Programm.

In einem neuen Format, das erstmals im Rahmen des Wissenschaftsforums der GDCh stattfand, waren Entrepreneure aus dem chemisch-wissenschaftlichen Kontext, Unternehmer, Politiker, UN-Institutionen eingeladen, beim 24-stündigen (!) Innovationsmarathon "Chemiewende - Wie erreichen wir eine neue Gründerzeit in der Chemie?" neue Wege in die Zuknft aufzuzeigen.

Juniorprofessor Dr. Hannes Rothe, einer der treibenden Köpfe hinter dem Event, das sich mit ca. 40 Anmeldungen für den 24h-Hackethon regen Zuspruchs erfreute, nahm während der 3-minütigen Pitches der sieben Teams die Zeit (in der ersten Reihe sitzen die Juroren der Pitchrunde). Doch dabei sollte es nicht bleiben. Nach den erfolgten Pitches der sichtlich erschöpften Teilnehmer des "Innovationsmarathons Chemiewende" und einer umgehenden Juryauswertung der Pitches war klar (wenn auch knapp, wie am Rande der Aufräumarbeiten zu erfahren war), dass das Team "Startup" das Rennen um den mit 5.000 Euro dotierten Preis gemacht hatte.

Im Beisein der Bundeswirtschaftsministerin Brigitte Zypries, die den Preis an das Gewinnerteam überreichte, wurde auch der Ausbau der "Chemical Invention Factory - John Warner Center for start-ups in Green Chemistry" angekündigt, das das Ökosystem für erfolgreiche Startups im Bereich der "Grünen Chemie" inmitten Berlin befördern soll. Bislang gibt es bereits erste Aktiviäten im kleineren Maßstab, wie einer Pressemitteilung der TU Berlin aus dem Juni dieses Jahres zu entnehmen ist. Die Aktivitäten in Richtung "#GreenChemistry" und die Unterstützung durch das Bundeswirtschaftsministerium (und selbstverständlich der Wirtschaftsministerien der Bundesländer) erschöpfen sich nicht nur in der Unterstützung von innovativen Startup-Wettbewerbsformaten für investitionsintensive Felder wie der Chemie. Erst am Vortag war an der Bergakademie TU Freiberg die Demonstrationsanlage von Parforce durch die Bundeswirtschaftsministerin eröffnet worden. Die Bergakademie TU Freiberg, die älteste Montanuniversität der Welt, war 2012 Austragungsort des 1. World Forum of Universities Resources on Sustainability (#WFURS - wir berichteten damals über Twitter) und somit schließt sich erneut ein Kreis, Ressourcen und Chemie, der ohne digitale Kommunikationstechnologie nicht ohne Weiteres sichtbar wäre.

Am Rande des kleinen Imbisses nach der Veranstaltung zeigte sich wieder einmal, dass das Pitchen gelernt sein will. So ähnlich, wie der "webbasierte Chemiebaukasten" (Chemtics) auf dem MobileCamp 2014 in Dresden überzeugte, so auch die in Brandenburg ansässige LXP Group, "Wir wandeln Grünabfälle, die z.B. in großen Mengen in städtischen Parks anfallen, dass sie von Biogasanlagen verwertet werden können." (frei aus der Erinnerung).

Dass sich nicht nur webbasierte und auf rein digitalen Geschäftsmodellen basierende Startups erfolgreich weiterentwickeln zeigt die im Frühjahr erfolgreich abgeschlossene Finanzierungsrunde über 2,6 Mio €

Auch wenn es für uns meist die Vorträge und die Keynote Speaker sind, die unser besonderes Augenmerk auf Konferenzen anziehen, so sollte man nichts unversucht lassen, um sich in unbekannte und neue Kontexte auf einer mehrtägigen Konferenz begeben, ob beim Frühstück oder auf den Veranstaltungen "am Rande".

Kurz zusammengefasst als PresencingStatus, was es mitzunehmen lohnt:

  • Good - der Mut der Initiatoren des Innovationsmarathon Chemiewende, dieses Format in das Wissenschaftsforum 2017 einzubetten; Englisch als Standardsprache und ausländische Gäste wie John Warner und Janet Angel
  • Tricky - es bedurfte einiger Anstrengungen, die Hashtags #Chemiewende und #Innovationsmarathon gemeinsam mit den offiziellen Konferenz-Hashtag #wifo2017 zu verbinden
  • Learned - Startup-Formate haben es nach wie vor schwer, vor allem wenn es sich nicht um schnell und einfach skalierbare rein digital-basierte Geschäftsmodelle handelt, Innovationsmarathon Chemiewende (see what the seven teams created over the course of 24 hours in Berlin - just amazing!!!) war ein vielversprechendes Format 
  • Action - mehr über die Geschichte der Chemie und ihre Relevanz in den heutigen Zeiten des Wandels erfahren (seit über 30 Jahren war ich nicht in diesem engen Kontakt mit Chemie)



Tuesday, September 5, 2017

Hellerau - Gelebte Innovation durch "Power of Pull"

Am Montag, den 28. August 2017, fand die alljährliche Innovationskonferenz futureSAX an einem bemerkenswerten und geschichtsträchtigen Ort der Tanz und Baugeschichte statt (Englisch review to be found here). Das Festspielhaus Hellerau, einst entworfen von Heinrich Tessenow als kultureller Mittelpunkt der noch im Enstehen begriffenen ersten deutschen Gartenstadt Hellerau (Website des StadtwikiDD) "vor den Toren der  großen Stadt (Dresden)", die sich vor über 100 Jahren zu einem Innovationshub zu entwickeln begann.

Jedem Besucher Dresdens sei an dieser Stelle ein mehrstündiger Gang durch die verwinkelten (eher gebogenen) Straßen des Stadtteils mit seinen unterschiedlichen Architekturstilen empfohlen. Am besten geschieht die Anreise rein elektrisch (ganz im Sinne des Bestrebens der Landeshauptstadt Dresden künftig "Modellstadt der Elektromobilität" zu werden) mit der Straßenbahnlinie 8 unter Mitnahme des "Streifzug 3 - Hellerau, die erste deutsche Gartenstadt" (auch als gedruckter Faltplan bei den Mobilitätszentren der Dresdner Verkehrsbetriebe AG erhältlich) der DVB AG (übrigens eines der innovativsten Unternehmen der Region, oft unterschätzt in der öffentlichen Wahrnehmung).

An besagtem Montag trafen sich rund 550 TeilnehmerInnen, um von frischen Innovationen Startups, etablierten mittelständischen Unternehmen oder Projekten visionärer Köpfen des Freistaats zu erfahren und die Besten zu küren (hier geht's zum Livemitschnitt der Preisverleihung - Ausdrücklicher Dank geht an dieser Stelle an die Kollegin des SMWA, die dies möglich machte).

Doch worum ging und geht es bei Veranstaltungen wie diesen an solch außergewöhnlichen Orten wirklich?

p. 99, "The Power of Pull"
John Hagel, Faculty Member von Singularity University, hat es bereits in seinem Buch "The Power of Pull - How Small Moves, Smartly Made, Can Set Big Things in Motion" beschrieben und nennt es "Shaping Serendipity" (vereinfacht auf Deutsch gesagt: "gute Gelegenheiten schaffen"). Jeder von uns kennt es, man ist auf einer Konfernz, man plant Besuche einzelner Stände und  interessanter Gesprächspartner. Doch dann kommt alles anders! Man kommt in ein Gespräch, findet etwas außergewöhnlich Interessantes und kommt zu ungeplantem Wissen und Kontakten.
  • wähle die Umgebung, in der sich Menschen mit ähnlichen Leidenschaften aufhalten
  • werde sichtbar und bleibe dies auch für Menschen, die relevant sind
  • beeinflusse deren Projekte und verstärke ihre Wahrnehmung
  • entdecke und tausche dich mit den richtigen Leuten zur passenden Zeit(en) aus
  • mache das Beste aus jedem Serendipity-Erlebnis 
Ist das Festspielhaus Hellerau ein solch "guter Ort", wo Menschen und unterschiedliche Ideen aufeinandertreffen und zugleich dem Ort eine positive Energie innewohnt, die mehr als nur das flüchtige Gespräch in der Pause ermöglicht?

Definitiv und ein klares "Ja"!

Und wieder ist es der Tanz und die performende Kunst, ob als Rhythmik, zeitgenössischer Tanz, Ballett oder die von der Dresdener Breakdancegruppe The Saxonz in Kooperation mit Hellerau - Europäisches Zentrum der Künste Dresden ins Leben gerufene Veranstaltung "Floor on Fire - Battle of Styles" (kurzer Trailer zum Format), Impulse für Gesellschaft, Wissenschaft und Wirtschaft gleichermaßen setzt.

In diesem Sinne darf man auf das kommende Programm "Rekonstruktion der Zukunft" in Hellerau gespannt sein, das sich um das Bauhaus, die Zukunft und last but not least Adolphe Appia, Bühnenbildner und Architekt, der vor über 100 Jahren Innenraum und Bühne des Großen Saals im Festspielhaus gestaltete.

Innovationen benötigen stets den passenden "Brutraum", um ins Entstehen zu kommen und das Festspielhaus Hellerau ist ganz sicher einer davon in der Stadt Dresden - ein wenig "versteckt" am Rande in der Heide. Wer einmal den Weg gefunden hat wird ihn sicher noch oft gehen, so wie selbst geschehen als ein Besuch und Führung in einem bis dato unsanierten Ensemble vor reichlich zwanzig Jahren auf dem Besuchsprogramm stand.

http://hellerau.org/rekonstruktion-der-zukunft

.... und zum Abschluss #PresencingStatus AKA Kurzreview:

  1. Good - Festspielhaus Hellerau ist ein wunderbarer Ort an dem Innovation, das Neue, Kunst und Kulturen aufeinandertreffen (seit über 100 Jahren)
  2. Tricky - Nutzung des futureSAX Veranstaltungs-WLAN nicht möglich, da Smartphone-Antenne keine 5 GHz Signale verarbeiten konnte
  3. Learned - Es gibt immer eine Lösung, die weiter führt :-) Inspirative Orte, wie z.B. das Festspielhaus Hellerau, den Lichthof im Albertinum oder die Gläserne Manufaktur gibt es zahlreich in Dresden - einfach noch mehr und digital darüber sprechen 
  4. Action - mehr als neugierig auf #inarowfestival und #RekonstruktionDerZukunft geworden 


Thursday, June 1, 2017

The Great Gatsby - Komplexität gehört zum Leben

Beim Hören von "The Great Gatsby" fällt den meisten von uns ein amerikanischer Literaturklassiker oder aber der Kinofilm (Trailer) mit Leonardo di Caprio in der Hauptrolle des Jay Gatsby ein. F. Scott Fitzgerald jedoch lieferte mit seiner Romanvorlage auch die Grundlage für die moderne Oper "The Great Gatsby", die MIT Professor John Harbison bereits 1999 komponierte. Sie sollte erst in der letzten Spielzeit 2015/2016 an der Sächsischen Staatsoper Semperoper in Dresden unter der Regie von Keith Warner ihre europäische Erstaufführung erhalten.

Szenerie während der Pause
Über eineinhalb Jahre nach ihrer Premiere in Dresden fand sie sich am 29.05.2017 erneut auf dem Spielplan der Semperoper. Es war Dresden-Tag (ein von der damaligen Intendantin Ulrike Hessler initiertes Angebot vor allem an die Dresdner, "ihre" Semperoper zu attraktiven Preisen zu erleben). Das Haus gut gefüllt und das dritte Mal selbst dabei (mit neuer Sitzposition, die zwei vorangegangenen Besuche im linken Rang bzw. im Parkett) sollte ein fulminanter Parforceritt durch die "Welt der Reichen und Schönen" und die Komplexität der uns alle umgebenden realen Welt folgen, der jedoch mehr bieten sollte, als schlicht die Musik und die sängerische Qualität auf der Bühne und im Graben.

Die Geschichte ist "schnell" erzählt: Jay Gatsby, zu Reichtum gekommener New Yorker mit unklarer Lebensgeschichte, trifft nach fünf Jahren zufällig seine Jugendliebe Daisy wieder, die inzwischen "unglücklich" mit einem erfolgreichen Polospieler, Tom Buchanan, verheiratet ist. Doch mit Reichtum und auch im Allgemeinen ist die Vergangenheit nicht wieder lebendig zu machen. Zwischenmenschliche Dynamiken  als ein sich ständig in Bewegung befindliches Spiegel- und Zerrbild der uns stets umgebenden Gesellschaft. Einen kurzen Einblick in das Geschehen gibt der Trailer zur Oper auf der Website der Semperoper. Auch wenn die Literaturgrundlage von F. Scott Fitzgerald "The Great Gatsby" (Wikipedia) bereits über 90 Jahre hinter sich hat, an Aktualität hat sie nichts verloren.

Blick aus dem 3. Rang
rechts vor Beginn der Aufführung
Was bereits vor der Aufführung fasziniert und gleichermaßen verstört sind die übergroßen Augen, die auf einem überdimensionalen Stahlgerüst inmitten der Bühne zu sehen sind. Ausdruck für Stahl als Verkörperung traditioneller Wirtschaft damals in den 20er Jahren, den "Roaring Twenties", gegenüber dem "schnellen Geld" (z.B. Spekulationen an der Börse oder Geschäfte mit während der Prohibitionszeit verbotenem Alkohol)? Die Augen als Verkörperung des "unbeteiligten Beobachters", der die gesamte Szenerie übersieht (unwillkürlich kommt einem der "Overview Effect" in den Kopf). Kaum beginnt die Vorstellung zeigt die Bühnenmaschinerie auch schon was in ihr steckt und was man selten in dieser Umfänglichkeit zu sehen bekommt. Es werden alle Register gezogen, die Szenerie vom Teenachmittag im Grünen, hin zur Rast an der Tankstelle oder der Aufenthalt im Hotel inmitten der Metropole New York, alles geschieht in Minutenschnelle und reibungslos auf der Bühne (fast wie von Geisterhand, wie auch manchmal das Leben zu spielen scheint). Was mechanisch korrekt und gleichmäßig ineinander zu greifen scheint spielt sich in den menschlichen Dynamiken gänzlich anders ab. Emotionen, versteckte Sehnsüchte und Annahmen (mentale Modelle) der involvierten Protagonisten verdeutlichen auf offener Bühne einmal mehr, dass die Dynamiken der Gesellschaft im Kleinen wie im Großen weder schlicht noch unvorhersehbar sind, wenn man den Blick lediglich auf die Oberfläche hält.

Final Curtain mit dem gesamten Ensemble
Die besondere Qualität des Abends, neben den sängerischen und schauspielerischen Qualitäten des gesamten Teams, war die phänomenale Zusammenarbeit aller auf der Bühne als ein Team aus "einem Guss". Man konnte den Spaß der Sängerinnen und Sänger an dieser komplexen und umfassenden Produktion in jedem Moment spüren. Darüber hinaus waren einige der involvierten auch auf ihren Social Media Profilen bereits im Vorfeld der Proben aktiv und machten Laune auf mehr.

Was besonders die Zuschauer bei der dieser Produktoin herausfordert sind nicht nur die technischen Finessen und die Vielzahl von Akteuren auf der Bühne, von der Ballerina des Semperoper Balletts bis hin zum kompletten Staatsopernchor,  und vor allem die Tatsache, dass es nicht den "richtigen" Platz zum gesamthaften Überblick über das Geschehen gibt (es empfiehlt sich ein mehrfacher Besuch, auch in den Rängen bis hin zum 4. Rang). Während eher traditionelle Opern in der Regel auf wenige Protagonisten fokussieren und eine schlichte Handlung und ebensolches Bühnenbild erwarten lassen, sind die Sinne bei "The Great Gatsby" über alle Maßen gefordert. Es ist keine Oper zum Entspannen und schlichten Genießen: sie fordert förmlich zur Neugier auf, auf die man sich komplett über die Dauer von knapp drei Stunden einlassen sollte!

In diesem Zusammenhang fällt Edgar H. Schein und sein Artikel "The Role of Art and the Artist" ein, der einen erneut daran erinnert, dass vor allem darstellende Kunst in ihrer Komplexität in uns oft unerwartete Emotionen hochkommen lässt.

Abschließend ein Zitat von Mary Parker Follett, einer in den 20er Jahren aktiven Sozialarbeiterin und Managementberaterin, von Peter Drucker als "Prophetin des Managements" bezeichnet, das passend zu dem auf der Bühne erlebbaren Fiasko von Jay Gatsby und der "aus den Fugen geratenden" Gesellschaft passt:

Aus: Mary Parker Follett, "Prophet of Management - A Celebrating of Writings from the 1920s", S. 254
Wir alle spielen eine entscheidende Rolle in der Gesellschaft, in der wir leben und manchmal müssen wir auf unseren "Blinden Fleck" achten, der uns blind für die Entwicklungen um uns herum macht, so wie es Jay Gatsby widerfahren ist.

Zum Abschluss ein kurzer persönlicher PresencingStatus (Kurzreviewformat):
  1. Good - 3. Aufführung aus 3. Perspektive; viele neue Gesichter (auch Kurzentschlossene), die den Dresden-Tag nutzten; ein eingespieltes Team auf der Bühne rund um den dänischen Tenor Peter Lodahl, das mit sichtbarer Freude spielte; Musiktheater im wahrsten Sinne des Wortes (!)
  2. Tricky - um ehrlich zu sein: NICHTS
  3. Learned - Mehrfachbesuche einer Produktion lohnen stets (wie in der Vergangenheit bereits wiederholt erfahren); die Bühne gibt bei dieser Produktion ein umfängliches Bild von #DynamicComplexity in Wirtschaft und Gesellschaft wider
  4. Action - Wenn nicht anderweitig eingespannt stünde ein Gang zu einem 4. Besuch dieser Produktion am heutigen Donnerstag auf dem Programm

Monday, March 20, 2017

Condensed Matter and why it Matters

Vom 19. bis 24. März 2017 findet erneut auf dem Campus der TU Dresden (dies im Wechsel mit Regensburg) die größte der Frühjahrstagungen der Deutschen Physikalischen Gesellschaft e.V. statt. Wie heute morgen auf dem Pressegespräch zu erfahren war handelt es bei dieser Tagung um die Tagung der Gruppe Condensed Matter bzw. Festkörperphysik (sie beschäftigt sich hauptsächlich mit magnetischen Phänomen und neuen Materialien und macht ca. die Hälfte rund 62.000 Mitglieder der DPG aus) nebst weiterer Gruppen. Außergewöhnlich ist die bei einer wissenschaftlichen Tagung explizit erwünschte Beteiligung über Social Media (speziell Twitter) und Nennung des offiziellen Tagungshashtags #DPGDD17 auf der Website sowie der verfügbaren App (für iOS und Android).

* siehe Ende des Berichts
Prof. Dr. Ludwig Schultz, ehemaliger Direktor des IFW Leibniz-Institut für Festkörper und -Werkstoffforschung Dresden und inzwischen wissenschaftlicher Koordinator von DRESDEN-concept (ein Zusammenschluss der TU Dresden und weiterer 23 wissenschaftlicher Institutionen im Raum Dresden) gab einen kurzen Abriss über Geschichte und Besonderheiten der seit 2003 auch in Dresden stattfindenden Frühjahrstagung. Wie schon in Regensburg getestet gibt es auch in Dresden inzwischen ein remote-Tagungsbüro (am Dresdner Hauptbahnhof), um die Anmeldeprozesse von registrierten Teilnehmer noch flüssiger vornehmen zu können. Damit hat die DPG gegenüber anderen wissenschaftlichen Konferenzen auch im Ausland ein ausbaufähiges Alleinstellungsmerkmal, das den mit der Bahn anreisenden Gästen der Konferenzen ermöglicht, umgehend bei Ankunft mit den öffentlichen Verkehrsmitteln des VVO unterwegs sein zu können. Über kommende Woche werden sich voraussichtlich rund 6.000 Physikerinnen und Physiker von Institutionen aus 45 Ländern (nicht berücksichtig sind hierbei die Zahl der Herkunftsländer, die wesentlich höher liegen dürfte).

Button zur Initiative
Angesichts der Vielfalt der vertretenen Kulturen und wie DPG-Präsident Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer betonte, "Forschung ist offen. Forschung braucht alle Köpfe dieser Welt." ist die Initiative "Physik ist weltoffen" gestartet worden. Nicht nur dass sich die DPG für Weltoffenheit, Toleranz sowie einen offenen Austauschen von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern aus aller Welt einsetzt, darüber hinaus gibt es bereits seit 2015 ein vom BMBF gefördertes Projekt "Physik für Flüchtlinge". Dieses wendet sich in erster Linie an geflüchtete Kinder und Jugendliche, um mittels des "Vermittlers" Physik und physikalische Phänomene, um Neugier, gegenseitiges Kennenlernen und Ankommen in der Gesellschaft zu ermöglichen. Nach einer ersten Pilotphase bis Mai 2017 ist die Förderperiode inzwischen bis 2018 verlängert worden. Ab Dienstag wird im Foyer des Hörsaalzentrums (HSZ) an der Bergstraße ein Infostand des Projekts zu finden sein.

Neben den obigen Aktivitäten ist auch zu erwähnen, dass noch im Sommer dieses Jahres in Jordanien das SESAME (Synchroton-light for Experimental Science and Applications in the Middle East) in Betrieb gehen wird. Ein Teilchenbeschleuniger basierend auf Grundlage des BESY in Berlin. Ziel dieses von der UNESCO unterstützten Projektes ist es, ähnlich wie das CERN, einen Ort zu kreieren, an dem WissenschaftlerInnen unterschiedlicher Herkunftsländer aus der Region und darüber hinaus gemeinsam an Experimenten zum wissenschaftlichen Erkenntnisgewinn arbeiten.

Drei Schwerpunkte sind Thema der Frühjahrstagung in Dresden, wie der wissenschaftliche Leiter Prof. Dr. Martin Aeschlimann, TU Kaiserslautern, erläuterte. Diese sind zu unterscheiden in Felder Phänomene und Materialien:

1. Skyrmionen (Phänome), die insbesondere für neue Speichertechnologien von Relevanz sind. Anders als bei herkömmlichen Speichermedien, die anfällig für Defekte sind, ermöglichen Solitonen darin einen dichten Verbund und somit Vermeidung von Defekten

2. Perowskit (engl.:Perovskite) (Materialien), in dieser Materialklasse sind neue Arten entdeckt worden, die für Effizienzgewinne von Photovoltaikk vielversprechend sind, wenn auch die Produktion noch nicht absehbar ist

3. Supraleiter (Materialien), hier sind neue Eisenselenid-Verbindungen entdeckt worden, die durch Druck auf das Material die erforderlichen Übergangstemperaturen (Übergang von normal zu supraleitend) auf 77° K anhebt. Dies zieht neben möglichem Einsatz von Stickstoff statt Helium auch entscheidende Aufhebungen von Baueinschränkungen z.B. bei MRT (hierzu gibt am Montag, 20 Uhr, HSZ 01 (Hörsaalzentrum an der Bergstraße, Haltestelle Technische Universität Dresden) von Prof. Dr. Jens Frahm vom Max-Planck-Institut für biophysikalische Chemie Biomedizinische NMR Forschungs GmbH einen öffentlichen Abendvortrag mit dem Titel "Magnetresonanz-Tomografie - in Echtzeit")

Es dürfte erneut eine aufschlussreiche Woche für alle ReferentInnen und TeilnehmerInnen in Dresden sein, wo sich in 57 Hörsälen auf dem Campusgelände, mit Wegezeiten unter 8 Minuten und bestens ausgestattetem WLAN (sowohl EDUROAM, das jedem Wissenschaftler weltweit geläufig ist, als auch allgemeines WLAN, das zur Nutzung bereitsteht).

Gemeinsame Pressemitteilung der DPG Deutsche Gesellschaft für Physik e.V. und der Technischen Universität Dresden  (8/2017 vom 02.03.2017) mit weiterführenden Informationen und Links.


* Aufnahme aufgenommen unmittelbar nach dem Pressegespräch am 20.3.2017

v.l.n.r. Präsident der DPG Prof. Dr. Rolf-Dieter Heuer; Prof. Dr. Martin Aeschlimann, Sprecher der DPG-Sektion kondensierte Materie; Sara Schulz, Projektleiterin DPG-Projekt "Physik für Flüchtlinge; Prof. Dr. Kornelius Nielsch, Direktor, Institut für Metallische Werkstoffe (IMW) und Prof. Dr. Martin Schultz,  wissenschaftlicher Koordinator von DRESDEN concept, beide Chairs des lokalen Organisationsteams



Wednesday, March 16, 2016

COW, oder wie ein Schwede das Verständnis von Ballett verändert

Am vergangenen Samstag den 12. März 2016 hatte "#COW - Ein Ballett" des schwedischen Choreographen Alexander Ekman auf der Bühne der Dresdner Semperoper Premiere. Nachdem der interessierte Ballettfreund (oder auch -freundin) bereits 2013 mit "Cacti" (im Rahmen von "Nordic Lights", das in der kommenden Saison wieder zu sehen sein wird) einen ersten Vorgeschmack auf seine Arbeit gewinnen konnte (seine Arbeiten unterscheiden sich, obwohl noch Anleihen des zeitgenössischen Tanzes vorhanden sind, ähnlich disruptiv von "üblichen" Ballettstücken wie einst Braque und Picasso mit dem Kubismus gegenüber der traditionellen Maltechnik und dem Fokus auf die Perspektive) stand also eine neue Überraschung auf dem Programmplan.

https://www.semperoper.de/spielplan/stuecke/stid/cow/
Warum die "Kuh" als Maß eines Ballettstückes? Die kurzen Clips zum Making von "COW Ein Ballett" sind dabei recht hilfreich (und unterhaltend zugleich).

Doch wer ein traditionelles Ballett mit viel Tanz erwartet - nun der wird möglicherweise ein wenig (oder mehr) enttäuscht von Dannen ziehen sollte er/sie sich für eine Karte der folgenden Aufführungen (heute Abend ist übrigens schon gleich die nächste - über die kommenden Wochen folgend noch sechs weitere Auführungen) geholt haben.

Obwohl, und dafür lohnt sich ein mutiger Gang in die 1.200 Besucher fassende Semperoper auf jeden Fall, wenn die Neugier größer als die Unsicherheit dessen, was einen erwartet, ist. Wer es wagt wird erleben, was eine Top-Ballettcompany wie das Semperoper Ballett wirklich kann (neben Balanchine, Forsythe, McMillan, u.a.) - ein Besuch lohnt sich. Darüber hinaus ist das Ballettstück ein außergewöhnliches "Cultural Island" (engl.; Blog von Abiel Guerra mit dem ich 2009 an einem Workshop von Edgar Schein teilnahm), das den Zuschauer aus seiner gewöhnlichen Rolle als ruhiger Betrachter und Genießer förmlich auf die Bühne und in den Flow zieht.

Wer sich vor einem Besuch der Bandbreite der Stimmungen offenbaren möchte, dem seien folgende Kritiken empfohlen:
... die obigen Kritiken in unbestimmter, wie gefundener, Reihenfolge und ohne Wertung. Jeder möge sich selbst eine Meinung bilden und dann entscheiden.

Ohne mich an dieser Stelle zu wiederholen (die vorliegenden Kritiken gehen bereits auf zahlreiche Aspekte ein) hier in aller Kürze der #PresencingStatus:
  • Good - Ballett mal ganz anders; Einbeziehung der kompletten Bühnentechnik (faszinierend, was alles möglich ist und selten zu sehen ist); ein neugieriges Premierenpublikum; es durfte auch spontan gelacht werden 
  • Tricky - keine Pause, um das Erlebte mit anderen auszutauschen; vergessen, dass Programmheft zu erstehen (da dürften noch einige Hintergrundinformationen zu finden sein
  • Learned - es bedarf Mut, ein solches Stück auf die Bühne zu bringen, und Aaron S. Watkin, Künstlerischer Direktor des Semperoper Ballett, kommt seiner Vision immer näher (die zahlreichen Einladungen der Company aus dem In- und Ausland machen dies ebenfalls mehr als deutlich)
  • Action - sicher ein oder zwei weitere Besuche (mal schauen, was sich machen lässt zeitlich)

Sunday, September 13, 2015

Chemie verbindet - Wissenschaftsforum 2015 Chemie der GDCh

Das Wissenschaftsforum 2015 Chemie der GDCh (Gesellschaft Deutscher Chemiker) zog vor wenigen Tagen (30. August - 02. September 2015) nicht nur 2.000 Wissenschafter aus Nah und Fern nach Dresden, sondern machte einmal mehr deutlich, welche Kompetenzen und Potentiale am "Standort am Rande der Republik" vorhanden sind und die es zu "wecken" gilt.

Es sollte das erste Mal sein, dass das Wissenschaftsforum 2015 mit all seinen Nebenveranstaltungen und Mitgliedersammlungen der unterschiedlichsten Fachgruppen im Osten Deutschlands stattfand, wie Prof. Dr. Michael Ruck, TU Dresden und Max-Planck-Institut für Chemische Physik fester Stoffe, und Vorsitzender des lokalen Organisationskomitees während der Pressekonferenz in der Börse Dresden betonte.

Dresden ist inzwischen in der allgemeinen Wahrnehmung als Standort des bedeutendsten europäischen Mikroelektronikclusters und diverser Forschungsschwerpunkte (z.B. Life Science, Nanotechnologie) der TU Dresden, die seit Sommer 2012 den Status einer Exzellenzuniversität trägt. Mit Chemie hingegen verbindet man die hiesige Wissenschafts- und Wirtschaftsszene nur selten. Die wenigsten werden wissen, dass Silikon in einer Nachbarstadt Dresdens, Radelbeul, mehr durch Zufall vom Chemiker Richard Müller entdeckt worden ist. Dabei, dessen sollten wir uns stets bewusst sein, steckt Chemie letztendlich in allem, was uns umgibt, vom Alltagsstoff bis hin zu neuen Werkstoffen (die Werkstoffwoche findet vom 14.-17. September 2015 übrigens ebenfalls in Dresden statt). 

Das Motto "Chemie verbindet", das betonte Dr. Thomas Geelhaar, Merck KGaA, Darmstadt und noch amtierender GDCh-Präsident (seine Nachfolgerin wurde auf dem Wissenschaftsforum 2015 gewählt und wird ab Januar 2016, die Präsidentschaft übernehmen), war nicht ohne Bedacht gewählt worden. Chemiker agierten in den vergangenen Jahrzehnten zu oft in ihren Elfenbeintürmen und hinter schwer dechiffrierbaren Formeln und Begrifflichkeiten, in einer immer komplexeren und mit großen Herausforderungen bedachten Welt (man denke an Energie, Nahrung und Wasserversorgung), die förmlich nach mehr Interdisziplarität und allgemeinverständlicher Kommunikation und neuen Formen der Wissensvermittlung rufen. Hier hat die während seiner Amtszeit gegründete Arbeitsgemeinschaft "Chemie und Gesellschaft" innerhalb der GDCh bereits einige Grundlagen für die Zukunft geschaffen, wie z.B. das Sonderheft "Der Menschenplanet - Aufbruch ins Anthropozän", das in enger Zusammenarbeit dem Deutschen Museum in München entstanden ist.

Dass die Vermittlung von Wissen, dessen Wert für die Gesellschaft und dessen Nutzbarmachung für Problemlösungen gesellschaftlicher, ökologischer und wirtschaftlicher Art maßgeblich von der Sprache abhängt ist der Präambel der zuvor genannten Arbeitsgemeinschaft "Chemie und Gesellschaft" zu entnehmen:

"Hierbei sollten wir eine größere Bereitschaft zur Transdisziplinarität bis hin zum Brückenschlag 'Chemie und Geisteswissenschaften' zeigen und andere Disziplinen wie Kunst, Architektur oder Musik einbeziehen, um Begeisterung zu wecken"

Begeisterung wecken - das verwirklichte Prof. Dr. Stefan Hell, Träger des Nobelpreises in Chemie 2014, den er für seine Arbeit im Bereich der Fluorreszenzmikroskopie erhielt, mit seinem fulminanten Vortrag am letzten Tag des Wissenschaftsforums 2015. Die von ihm entwickelte Methode macht mikroskopische Auflösung unter die von Ernst Abbe postulierte ca. 200 nm (1/2 Wellenlänge des sichtbaren Lichts) hinaus möglich - dies durch einen (zunächst) physikalischen Trick. Selbstverständlich ist es mit Elektronenmikroskopen schon länger möglich geringere Auflösungen zu erreichen. Doch ist dies nicht z.B. bei lebenden menschlichen Zellen möglich. Durch bestimmte Substanzen können Zellenarten gezielt derart angeregt werden, dass sie Licht aussenden. Dies ermöglicht die Wahrnehmung mittels eines Lichtmikroskops. Jedoch sind bei der Sicht durch das Objektiv zur gleichen Zeit eine Vielzahl von Lichtpunkten innerhalb eines Schärfebereichs (ähnlich wie die bei einem Kameraobjektiv abhängig von der Blende der Fall ist).

Der geniale "Trick" den Prof. Stefan Hell umsetzte: die Leuchtanregung der nicht für die Beobachtung relevanten Zellen unmittelbar zu unterdrücken, d.h. sie dunkel zu lassen - "Make sure the molecule (cell) gets into the dark". Die Anzahl der An-/Aus-Zyklen entscheidet nun über die Auflösung und nicht mehr die Güte des Objektivs. Eine radikale, wenn auch schlichte, Idee, die zu zahlreichen Rückweisungen des Konzepts bei internationalen Journalen führte und ihm dann doch schlussendlich den Nobelpreis für Chemie 2014 gemeinsam mit zwei weiteren Kollegen einbrachte.

Was ehemals als physikalisch-optische Frage begann hat sich nun gewandelt zu "Today it's a chemistry problem!", denn die Suche nach erforderlichen Molekülen, die die Fluoreszenz der Zellen unmittelbar ausschalten, hat erst begonnen.

In aller Kürze wie schon zu vergangenen Konferenzen, ob live oder digital begleitet hier der aktuelle PresencingStatus:


  • Good - Internationale Crowd in Dresden, sehr offene Chemiker-Gemeinschaft, die auch moderne Kommuniktionsmedien wie Twitter und Facebook aktiv nutzt (offizieller Hashtag und freies WLAN (!) in den Veranstaltungsräumen inklusive), Internetauftritt zweisprachig und die meisten der Vorträge auf Englisch
  • Tricky - bedingt durch die Masse an zeitgleichen Vorträgen war die Messe Dresden als Veranstaltungsort ausgewählt, die jedoch nicht in der Weise auf Konferenzen wie für Messen ausgerichtet ist (Steckdosen waren Mangelware in allen Räumlichkeiten, die diese bislang einzeln abgerechnet werden)
  • Learned - Wissenschaftsgemeinschaften, die über Jahrzehnte bzw. -hunderte in Fachkreisen kommuniziert haben ist ein Wandel hin zur Nutzung von neuer digitaler Kommunikationsmedien ein langer Weg, wobei die GDCh einen mutigen Schritt nach Vorne gewagt hat, der sich über Dauer auszahlen wird, auch um Chemie und dessen Bedeutung in Bevölkerung, Politik und Wirtschaft präsenter zu machen
  • Action - weiterhin über Felder und Fachdisziplinen schreiben, die als Boundary Object (siehe auch Beitrag zu Kartographie Boundary Object auf der 26. International Cartographic Conference Dresden 2013) die Fähigkeit haben andere Disziplinen und Stakeholder für breitere Ziel zusammenzubringen, sozusagen als Katalysator für die Zukunftsentwicklungen zu fungieren








Thursday, September 8, 2011

Lehre in Zeiten von Web 2.0 & Collaboration

Seit Montag läuft an der TU Dresden die Konferenz Wissensgemeinschaften 2011, die wiederum drei Einzelkonferenzen integriert. Näheres findet sich auch über die Twitterstreams mit den Hashtags #geneme11 #delfi11 #gmw11, wobei #wige11 der allumfassende Tag ist [da die Inhalte auf Twitter nach einigen Wochen, eventuell sogar Tagen "verschwinden" sei ein Blick auf Greplin (Update 2020-04-26: Tool is nicht mehr existent, da Muttergesellschaft Betrieb eingestellt hat, via TechCrunch) empfohlen].

Heute geht die Konferenz in die Endrunde und es ist Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen.

Auch diesmal erlaube ich mir es kurz zu machen und den PresencingStatus anzuwenden. Vier kurze Fragen, die eine Reflexion ermöglichen (auf kurzem Raum):

1. Was war gut?
2. Was war tricky?
3. Was habe ich gelernt?
4. Was ist meine nächste Aktion aus den gemachten Erfahrungen?


  1. Die Möglichkeit, drei unterschiedliche Konferenzen in ähnlichem Kontext an einem Ort zu veranstalten ermöglichte das Auftreten und Nutzen von Serendipity (so kam es zu überraschenden Verbindungen am Kaffeetisch, oder auch neuen Gesprächspartnern zum Thema 'Boundary Spanner' nach Fragen im Forum). Die Veranstaltung auf relativ begrenztem Raum mit zwei Orten auf dem Campus der TU Dresden (HSZ und Fakultät Informatik) zu beschränkten führte zu leichtem Austausch der unterschiedlichen Communities). Die angebotenen Hashtags wurden über alle Konferenztage intensiv verwendet - was ich mir übrigens auch für Business Konferenzen wünsche.
  2. Tricky war, dass es noch immer nicht eine App für's iPhone, Android und andere mobilen Geräte gibt, die alle Veranstaltungen in einer visuellen Darstellung mit AR oder ähnlichem ermöglicht (als Überblick). Eine Übersicht als Twitterwall ist künftig -aus meiner Sicht- ein Muss. Hier gibt es in Zusammenhang mit Ambient Displays und Augmented Reality sicher noch weitere Anknüpfungspunkte, die ich gerne auch in meinem Action Research Projekt in diesem Bereich ausbauen und diskutieren möchte (diesmal kam es nicht dazu, doch mal sollte niemals "nie" sagen ;-)).
  3. Es gibt noch viel zu tun, Web 2.0, Social Tools und Social Media sind noch nicht Alltag, auch nicht im Umfeld der Konferenzteilnehmer. Als gestern aus Kanada eine aufgezeichnete (und ausgezeichnete) Keynote im HSZ übertragen wurde leerte sich der Raum schlagartig und Kommentare wie dieser waren zu finden. Aus der persönlichen Erfahrung insbesondere in länderübergreifenden Lernprojekten über mehr als 8 (!) Zeitzonen hinweg hat ein "konservierter" Vortrag ganz andere Qualitäten - wenn auch nicht einfach in die eigenen Arbeitsweisen zu integrieren. Bitte mehr von dieser Art von Konferenz, die das Gespräch über Disziplingrenzen hinweg ermöglicht!!!
  4. ... das Gespräch zu Nutzung von Social Tools, Social Networks und Social Media im Gange halten auch und insbesondere über Disziplin-, Ort- und Zeitgrenzen hinweg - das Web bietet alle Möglichkeiten, wir müssen sie nur finden und elegant nutzen (was für unser persönliches Mental Model von Lernen und Lehren passend ist).
Für alle, die den Knowledge Worker 2.0 kennenlernen wollen, hier Stephen Colins AKA @trib mit einem inspirierenden Slidecast.

... auf BizDesignDD ein paar Gedanken auf Englisch.